Pittoreske Ansichten der Cordilleren und Monumente americanischer Völker

Alexander von Humboldt

Tübingen, 1810

[Vorige Tafel] [Inhaltsverzeichniss] [Nächste Tafel]

Tafel 17


Hohe Auflösung

Ein peruanisches Monument auf dem Cañar.

Die hohen Ebenen, welche sich auf den Rücken der Cordilleren vom Aequator bis zum 3░ der Süd-Breite erstrecken, stossen auf eine Masse von Gebirgen, welche viertausend fünfhundert, bis viertausend achthundert Meters hoch sind, und, wie ein ungeheurer Damm, den östlichen Kamm der Anden von Quito mit ihrem westlichen verbinden. Diese Gebirgs-Gruppe, auf welcher der Porphyr den Glimmer-Schiefer und andre Fels-Arten von primitiver Bildung bedeckt, ist unter dem Namen des Paramo del Assuay bekannt. Um vom Riobamba nach Cuenca und in die schönen, durch ihren Reichthum von China-Rinde so berühmten, Wälder von Loxa zu gelangen, mussten wir unsern Weg über dieselben nehmen. Die Reise über den Assuay ist besonders in den Monaten Juni, Juli und August sehr gefährlich, weil um diese Zeit in dieser Gegend eine Menge Schnee┤s fällt, und die eiskalten Süd-Winde wehen; da nun die grosse Strasse nach meinen, im Jahr 1802 angestellten, Messungen beinah auf der Höhe des Montblanc sich hinzieht, so sind die Reisenden einer ausserordentlichen Kälte ausgesetzt, und ist nicht leicht ein Jahr, wo nicht mehrere durch die Stürme zu Grunde gehn. Mitten auf diesem Wege, in einer absoluten Höhe von viertausend Meters, kommt man über eine Ebene von mehr denn sechs Quadrat-Meilen-Umfang. Diese Ebene (was ein merkwürdiges Licht über die Bildung von höhen Plateau┤s verbreitet) befindet sich beinah in gleicher Höhe mit den Steppen, welche einen Theil des, mit ewigem Schnee bedeckten, Vulkans von Antisana einfassen. Indess sind beide Plateau┤s, deren geologischer Zustand so auffallende Aehnlichkeiten hat, über fünfzig Meilen von einander entfernt. Sie enthalten sehr tiefe Seen mit süssem Wasser, die mit dicken Rasen von Alpen-Gewässern eingefasst sind, aber kein Fisch und beinah kein Wasser-Insekt belebt ihre Einsamkeit.

Der Llano del Pullal (so nennt man die hohen Ebenen des Assuay) hat einen ausserordentlich sumpfichten Boden. Mit Erstaunen fanden wir auf Höhen, die viel ansehnlicher sind, als die des Pic┤s von Teneriffa, prachtvolle Reste einer, von den peruanischen Incas angelegten, Strasse. Mit grossen behauenen Steinen eingefasst, darf man sie den schönsten Heerstrassen der Römer vergleichen, die ich in Italien, in Frankreich und in Spanien gesehen habe. Sie ist völlig gerade gezogen, und hat dieselbe Richtung auf einer Ausdehnung von sechs bis achttausend Meters. Hundert und zwanzig Meilen südlich von Assuay haben wir ihre Fortsetzung gefunden, und man glaubt in dem Lande selbst, dass sie bis nach der Stadt Cuzco geführt habe. Bei dieser Strasse über den Assuay, auf der absoluten Höhe von viertausend zwei und vierzig Meters (2047 Toisen) liegen die Ruinen vom Pallast des Inca Tupayupangi, dessen Gemäuser, gewöhnlich los paredones genannt, ziemlich niedrig sind.

Steigt man südwärts von dem Paramo del Assuay herab, so findet man, zwischen den Pachthöfen von Turche und von Burgay ein andres Denkmal alter peruanischer Baukunst, des unter dem Namen Ingapilca, oder des kleinen Forts von Cañar, bekannt ist. Dieses Fort, wenn man anders ein, in eine Plattform sich endendes, Hügelchen so heissen darf, ist weniger wegen seiner Grösse, als weil es sich so vortreflich erhalten hat, merkwürdig. Eine von grossen Werksteinen aufgeführte, Mauer erhebt sich etwa fünf bis sechs Meters, und bildet ein sehr sehr regelmässiges Oval, dessen grosse Achse nahe zu acht und dreissig Meters Länge hat. Die Fläche innerhalb ist mit schöner Vegetation bedeckt, welche die mahlerische Wirkung der Landschaft noch erhöht. Mitten in der Einfassung steigt ein Haus auf, das nur zwei Gemächer, und etwa sieben Meters Höhe hat. Beides, wie es auf der sechszehenden Kupfertafel vorgestellt ist, gehört zu einem Mauer- und Fortifikations-System, wovon ich weiter unten reden werde, und das über hundert und fünfzig Meters lang ist. Der Schnitt der Steine, die Vertheilung der Thore und Nischen, die vollkommene Aehnlichkeit, welche zwischen diesem Gebäude und denen von Cuzco obwaltet, lassen keinen Zweifel über den Ursprung dieses militärischen Denkmals, das zur Beherbergung der Incas diente, wenn sie zuweilen von Peru nach dem Königkreich Quito reiseten. Die Grundmauren einer Menge von Gebäuden rings um die Einfassung verrrathen, dass in Cañar ehmals hinlänglich Raum war, um das kleine Armee-Korps unterzubringen, welches die Incals gewöhnlich auf ihren Reisen begleitete. Unter diesen Grundmauren habe einen, mit vieler Kunst behauenen, Stein gefunden, der vorne auf der Zeichnung abgebildet ist, und dessen Gebrauch ich nicht zu errathen vermocht habe.

Was an diesem kleinen, von einigen Stämmen von Schinus molle umgebenen, Denkmal am meisten auffällt, ist die Form seines Dachs, welche mit denen der europäischen Häuser völlige Aehnlichkeit hat. Einer der ersten Geschichtsschreiber America┤s, Pedro de Cieša de Leon, der im Jahr 1541 seine Reisen zu schreiben anfieng, giebt von mehereren Häusern der Inca┤s in der Provinz de los Canares genauere Nachricht, und sagt ausdrücklich [ Pedro de Cieša de Leon, Chronica del Peru. (Antwerpen, 1554). Tom. I. C. XLIV. p. 120. ]: "dass die Gebäude von Thomebamba eine so vortreflich gemachte Bedeckung von Baumästen haben, die sich, wenn sie nicht vom Feuer verzehrt wird, Jahrhunderte lang erhalten kann." Dieser Bemerkung zu Folge sollte man glauben, der Giebel des Hauses von Cañar sei est nach der Eroberung angebracht worden. Was diese Hypothese am meisten begünstiget, ist der Umstand, dass auch offene Fenster in diesem Theil des Gebäudes angebracht sind; denn in den Wohnungen von der ältesten peruanischen Architektur findet man eben so wenig Fenster, als in den Resten der Häuser von Pompeja und Herculanum.

Auch Herr von La Condamine ist in seiner sehr merkwürdigen Denkschrift über einige alte Monumente von Peru [ Memoires de l┤Académie de Berlin, 1746. S. 444. ] geneigt, zu glauben, dass dieser Giebel nicht aus den Zeiten der Incas sei. Er sagt: "er seit vielleicht von neuerer Arbeit, und besteht nicht aus Werkstein, wie das übrige Gebäude, sondern aus einer Art von, an der Luft getroknetem, und mit Stroh geknetetem, Baksteine." Auch setzt er an einer andern Stelle hinzu, dass der Gebrauch solcher Baksteine, die die Indianer Ticas nennen, den Peruanern lang vor der Ankunft der Spanier bekannt gewesen, und dass daher die Höhe des Giebels, obgleich aus Baksteinen bestehend, dennoch von alter Arbeit seyn könne.

Ich bedaure sehr, dass ich die Denkschrift des Herrn von La Condamine nicht schon vor meiner Reise nach America gekannt habe. Uebrigens bin ich weit entfernt, Zweifel gegen die Beobachtungen dieses berühmten Reisenden zu erregen, den seine Arbeiten lange in der Gegend des Cañars aufgehalten, und der auch weit mehr Musse, als ich, hatte, dieses Denkmal zu untersuchen. Indess wundert mich doch, dass weder Herrn Bonpland, noch mir, da wir an Ort und Stelle selbst die Frage untersuchten, ob das Doch dieses Gebäudes erst zu Zeit der Spanier angesetzt worden sei, die geringste Verschiedenheit in der Construktion, welche man zwischen der Mauer und dem Giebel finden will, aufgefallen ist. Ich bemerkte keine Baksteine (Ticas oder Adobes), sondern glaubte blos Werksteine zu erkennen, welche mit einer Art von gelblichem Stuk überzogen waren, der leicht losbrach, und Ichu, oder geschnittenes Stroh enthielt. Der Besitzer eines benachbarten Parchthofs, der uns auf unsrer Wanderung nach den Trümmern des Cañar begleitete, rühmte sehr, wieviel seine Voreltern zur Zerstörung dieser Gebäude beigetragen hätten, und erzählte uns, dass das abhängige Dach nicht auf europäische Weise, das heisst, mit Ziegeln, sondern mit sehr kleinen und schön polierten Stein-Platten bedekt gewesen sei. Dieser Umstand verführte mich dazumal am meisten zu der, wahrscheinlich irrigen, Meinung, dass der Rest des Gebäudes, mit Ausnahme der vier Fenster, sich noch in dem Zustand befinde, in welchem er zur Zeit der Incas gewesen ist. Wie dem sei, so muss man eingestehen, dass der Gebrauch von Dächern mit spitzigen Winkeln in einem Gebirgsland, wo häufiger Regen fällt, von grossem Nutzen gewesen seyn müsste. Indess sind diese abhängigen Dächer den Eingebornen der Nord-West-Küste von America bekannt, und sie waren es sogar in den ältesten Zeiten im südlichen Europa, wie mehrere griechische und römische Denkmale, besonders die Reliefs an der Trajans-Säule und die Landschafts-Gemählde beweisen, welche man in Pompeja gefunden, und die vormals in der prächtigen Sammlung zu Portici aufbewahrt wurden. Bei den Griechen ist der Winkel oben am Dach ein stumpfer Winkel; bei den Römern hingegen, die unter einem minder schönen Himmel lebten, wurde es schon ein rechter Winkel, und je weiter man gegen Norden kommt, desto abhängiger findet man die Dächer.

Die Zeichnung, welche sich auf der siebenzehnten Kupfertafel befindet, wurde von Herrn Gmelin, einem wegen seiner Talente und mannichfaltigen Kenntnisse, mit allem Recht berühmten, Künstler, in Rom nach einer Skizze von mir verfertigt. Er beehrte mich während meines letzten Aufenthalts in Italien mit seiner besondern Freundschaft, und ich verdanke vieles, das der Aufmerksamkeit des Publikums in diesem Werke nicht ganz unwürdig scheinen könnte, seinen Bemühungen.


Diese Seite ist Teil von Kurt Stübers online library.
Diese Seite wurde erstellt am 7. 5. 2002.
© Kurt Stüber, 2002.