Pittoreske Ansichten der Cordilleren und Monumente americanischer Völker

Alexander von Humboldt

Tübingen, 1810

[Vorige Tafel] [Inhaltsverzeichniss] [Nächste Tafel]

Tafel 20


Hohe Auflösung

Das Innere vom Hause des Inca┤s auf dem Cañar.

Diese Kupfertafel stellt den Plan und das Innere des kleinen Gebäudes vor, welches mitten auf dem freien Platze in der Citadelle von Cañar steht, und von Herrn von La Condamine für ein Wachthaus gehalten worden ist. Ich habe mich bei dieser Zeichnung um so grösserer Genauigkeit beflissen, da die, auf dem Rücken der Cordillera, von Cuzco bis Cayembe, oder von 13░ der Süd-Breite bis zum Aequator, verbreiteten, Reste von peruanischer Architektur im Behauen der Steine, in der Form der Thüren, in der symmetrischen Vertehilung der Nischen, und dem völligen Mangel an äusserlichen Ornamenten, den nemlichen Karakter haben. Diese Einförmigkeit geht so weit, dass alle Wirthshäuser (Tambos), welche längs der grossen Heerstrassen stehen, und in dem Lande selbst Häuser oder Palläste des Inca genannt werden, von einander kopiert zu seyn scheinen. Die peruanische Baukunst erhob sich überhaupt nicht über die Bedürfnisse eines Gebirgsvolks, und kannte weder Pilaster, noch Colonnen, noch Gewölbe-Bögen. In einem Lande voll zakichter Felsen, und auf beinah ganz baumlosen Plateau┤s entsprossen, konnte sie nicht, wie die griechische und römische Architektur, die Verschlungenheit eines Gebälks in Holz nachahmen; sondern Einfachheit, Symmetrie und Dauerhaftigkeit mussten die drei Grundzüge werden, welche alle peruanischen Bauten so vortheilhaft auszeichnen.

Die Zitadelle vom Cañar und die, sie umgebenden, viereckigen Gebäude sind nicht von dem Quartz-Sandstein aufgeführt, der den Thonschiefer und den Porphyr des Assuay bedeckt, und in dem Garten des Inca, wo man in das Thal von Gulan herabsteigt, offen da liegt. Auch sind keine Granite dabei gebraucht worden, wie Herr von La Condamine geglaubt hat, sondern ein sehr harter Trapp-Porphyr, der mit Glas-Feldspath und Amphibol durchsprengt ist. Vielleicht wurde dieser Porphyr in den grossen Brüchen, die man auf einer Höhe von viertausend Metern, und in einer Entfernung von mehr denn drei Meilen vom Cañar, bei dem See de la Cubrilla findet, gebrochen. Wenigstens ist es ausgemacht, dass diese Brüche die schönen Steinen zu dem Hause des Inca┤s geliefert haben, das in der Ebene von Pullal, auf einer Höhe liegt, die der Puy-de-Dome, auf den Gipfel des Canigu gestellt, erreichen würde.

Uebrigens findet man unter den Ruinen vom Cañar die ungeheuren Steine nicht, die man an den peruanischen Gebäuden von Cuzco und den benachbarten Gegenden bemerkt. Acosta hat zu Traquanaco welche gemessen, die zwölf Meters (acht und dreissig Fuss) Länge, 5m 8 (achtzehn Fuss) Breite, und 1m9 (sechs Fuss) Dicke haben. Pedro Cieša de Leon sah gleich grosse unter den Ruinen von Tiahuanaco [ Cieša, Chronica del Peru (Antwerpen, 1554.) S. 254. ]; ich habe aber in der Zitadelle vom Cañar keine Steine gesehen, die über sechs und zwanzig Decimeters (acht Fuss) lang gewesen wären. Ueberhaupt sind sie minder bemerkenswerth wegen ihrer Masse, als wegen ihrer äusserst schönen Bearbeitung. Die meisten sind ohne allen Schein eines Mörtels zusammengefügt; doch sieht man solchen an einigen, die Zitadelle umgebenden, Gebäuden, und in den drei Häusern des Inca┤s auf dem Pullal, deren jedes über acht und fünfzig Meters Länge hat. Er ist ein Gemisch von kleinen Steine und von Thon-Märgel, welcher aufbraust, wenn man Säuren darauf giesst; ein ächter Mörtel, wovon ich, vermittelst eines Messers, beträchtliche Stücke aus den Zwischenräumen von den parallelen Absätzen der Steine losgebrochen habe. Dieser Umstand verdient Aufmerksamkeit; denn die Reisenden vor mir haben alle versichert, dass die Peruaner den Gebrauch des Mörtels nicht gekannt hätten. Diese Behauptung ist aber die den Peruanern eben so unrichtig, als bei den Egyptiern. Erstere gebrauchten nicht nur einen märgelartigen Mörtel, sondern bedienten sich den grossen Gebäuden von Pacaritambo [ ib. S. 234. ] eines Asphalt-Mörtels (Betun), also einer Bauart, die im höchsten Alterthum schon an den Ufern des Euphrat und Tigris gewöhnlich war.

Der Porphyr, welcher bei den Gebäuden vom Cañar gebraucht wurde, ist in Form eines Parallelepipedum, und so vollkommen behauen, dass, wie Herr von La Condamine sehr richtig bemerkt hat, ihre Fugen unbemerkbar seyn würden, wenn ihre äussere Fläche eben wäre [ Mémoires de l┤Académie de Berlin, 1746. S. 443. ]. Diese ist aber an jedem Stein etwas convex, und gegen den Rand zu schräg abgeschnitten, so dass die Fügungen kleine Kannelierungen bilden, welche zur Zierde dienen sollen. Dieser Schnitt von Steinen, den die italienischen Baukünstler bugnato nennen, findet sich auch an den Ruinen vom Callo, bei Mulalo, wo ich ihn genau nachgezeichnet habe [ Siehe Kupfertafel XXIV. ], und giebt den peruanischen Gebäuden mit gewissen römischen Werken, wie z. B. mit dem Muro di Nerva in Rom, grosse Aehnlichkeit.

Was die Denkmahle von peruanischer Architektur besonders karakterisiert, ist die Form der Thüren, welche gewöhnlich neunzehn bis zwanzig Decimeters (sechs bis acht Fuss) Höhe haben, damit der Inca oder andre grosse Herrn, auch wenn sie von ihren Vasallen auf Tragsesseln getragen ankamen, hindurch konnten. Die Grundmauern dieser Thüren waren nicht parallel, sondern liefen etwas zusammen, damit man wahrscheinlich minder breite Sturz-Steine anbringen konnten. Die, in den Mauern angebrachten, Nischen (Hoco), welche zu Schränken dienten, nähern sich der Form der porte rastrate. Das Zusammenlaufen der Grundmauren giebt den peruanischen Gebäuden eine gewisse Aehnlichkeit mit den egyptischen, in welchen der Sturz immer kürzer ist, als die untere Oefnung der Thüren. Zwischen den Hocos befinden sich cylinderförmige Steine, mit polierter Fläche, die fünf Decimeters weit über die Mauer hervorspringen, und, wie uns die Eingebohrnen versicherten, dazu dienten, Waffen oder Kleider aufzuhängen. In den Winkeln der Mauren bemerkt man überdiess Zwerch-Stücke von Porphyr, und von ganz besarrer Form. Herr von La Condamine ist der Meinung, dass sie zur Verbindung beider Mauren gedient haben; ich möchte aber lieber glauben, dass die Stricke der Hamacs an diesen Zwerch-Stücken festgebunden wurden; wenigstens findet man sie von Holz zu gleichem Zweck in allen indianischen Hütten am Orinoko.

Die Peruaner haben eine bewundernswürdige Kunst in der Behauung der härtesten Steine gezeigt. La Condamine und Bouguer sahen an alten, zur Zeit der Incas aufgeführten Gebäuden Ornamente von Porphyr, welche Thierlarven vorstellten, an denen die Naslöcher durchbrochen waren, und bewegliche, aus demselben Stein verfertigte Ringe trugen [ Mémoires de l┤Académie de Berlin, 1746. S. 452. Taf. 7. fig. 4. ]. Schon als ich durch den Paramo de l┤Assuay über die Cordillera gieng, und die ungeheuren, aus den Porphyr-Brüchen von Pullal gezogenen, und zum Bau der grossen Inca-Strassen gebrauchten, Werksteine sah, stiegen Zweifel bei mir dagegen auf, dass die Peruaner keine andere Werkzeuge gekannt haben, als Aexte von Kieselstein; ich vermuthete daher, dass die Reibung nicht das einzige Mittel gewesen seyn könnte, dessen sie sich bedienten, um die Steine flach zu machen, oder ihnen eine regelmässige, einstimmige Konvexität zu geben. Somit kam ich auf den Gedanken, dass sie Instrumente von Kupfer besessen, welches bis auf einen gewissen Grad mit Zinn vermischt, eine grosse Härte gewinnt. Diese Vermuthung wurde wirklich durch einen alten peruanischen Meissel, welcher in Vilcabamba, bei Cuzco, in einem, schon zu Zeit der Incas bearbeiteten, Silberbergwerk gefunden wurde, bestätiget. Dieses kostbare Werkzeug, das ich der Freundschaft des Paters Narcissus Gilbar verdanke, und glücklich nach Europa gebracht habe, ist zwölf Centimeters lang, und zwei breit. Die Materie aus welcher es besteht, wurde von Herrn Vauquelin analysiert, und zu 0,94 Kupfer, und 0,06 Zinn befunden. Dieses schneidende Kupfer der Peruaner ist beinah mit dem an den Aexten der Gallier identisch, welche das Holz so gut hauen, als ob sie von Stahl wären. Ueberhaupt aber wurde überall auf dem alten Continent im Anfang der Civilisation der Völker der Gebrauch des, mit Zinn gemischten Kupfers (Aes, chalchos) dem des Eisens vorgezogen, und dieses sogar da, wo letzteres längst bekannt war.


Diese Seite ist Teil von Kurt Stübers online library.
Diese Seite wurde erstellt am 7. 5. 2002.
© Kurt Stüber, 2002.