Pittoreske Ansichten der Cordilleren und Monumente americanischer Völker

Alexander von Humboldt

Tübingen, 1810

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Vorwort

Denkmale von Völkern, die durch langer Jahrhunderte Zwischenraum von uns getrennt sind, können unser Interesse auf eine doppelte Weise fesseln. Gehören Kunstwerke, die bis auf unsere Zeiten gekommen sind, Nationen an, welche schon einen beträchtlichen Grad der Cultur erreicht hatten, so erwecken sie unsere Bewunderung, theils durch die Harmonie und Schönheit der Formen, theils durch das Genie, das sie gedacht hat. Die Büste von Alexander, welche man in den Gärten der Pisonen gefunden, würde ein kostbares Ueberbleibsel des Alterthums seyn, belehrte uns ihre Inschrift auch nicht, dass sie die Gesichtszüge des Ueberwinders bei Arbela darstellt. Ein geschnitzter Stein, eine Münze aus den schönen Zeiten von Griechenland ist dem Kunstfreunde wegen des grossen Styls und der vollendeten Arbeit auch dann wichtig, wenn weder eine Tradition, noch ein Monogramm beide an einen bestimmten Zeitraum der Geschichte anknüpft. Diess ist das Vorrecht alles dessen, was die Kunst unter dem Himmel von Klein-Asien und einen Theil des südlichen Europa┤s gebildet hat!

Dafür können aber Denkmale von Völkern, die keinen hohen Grad intellectueller Cultur erreicht haben, oder welche, theils wegen politischer und religiöser Ursachen, theils wegen der Beschaffenheit ihrer Organisation, für Schönheit der Formen, weniger empfänglich waren, nur als historische Monumente Aufmerksamkeit verdienen. In diese Klasse gehören diejenigen Reste von Bildhauer Arbeit, welche in den grossen Ländern zwischen dem Euphrat und den östlichen Küsten Asiens zerstreut sind. Die Idole von Thibet und Indostan, so wie die, welche man auf dem Central-Plateau der Mongolei gefunden hat, ziehen unsre Aufmerksamkeit an, weil sie über die alten Verbindungen der Völker und über den gemeinschaftlichen Ursprung ihrer mythologischen Ueberlieferungen Licht verbreiten.

Die rohsten Werke, die seltsamsten Formen, jene Massen von ausgehauenen Felsen, die nur durch ihre Grösse und das hohe Alterthum, welches ihnen beigelegt wird, Ehrfurcht gebieten, die ungeheuren Pyramiden, die das Zusammenarbeiten einer Menge von Menschen verrathen; alles dieses knüpft sich an das philosophische Studium der Geschichte an.

Aus gleichen Grunde sind die schwachen Ueberbleibsel der Kunst, oder vielmehr der Industrie der Völker der neuen Welt unserer Aufmerksamkeit würdig. Ueberzeugt von dieser Wahrheit habe ich daher auf meinen Reisen alles gesammelt, was mich thätige Wissbegierde in einem Lande entdecken liess, wo, während ganzer Jahrhunderte von Barbarei, die Intoleranz Alles, was auf die Sitten und den Gottesdienst der alten Bewohner Bezug hatte, zerstörte; wo man Gebäude nierriess, blos um die Steine derselben anders zu benutzen, oder um nach verborgenen Schätzen zu forschen.

Die Vergleichung, welche ich zwischen den Kunstwerken von Mexico und Peru und denen der alten Welt anzustellen gedenke, wird einiges Interesse über meine Nachforschungen, und über den mahlerischen Atlas verbreiten, der die Resultate derselben enthält. Frei von Systemssucht, werde ich die Analogien, welche sich von selbst anbieten, darlegen, und diejenigen, so eine Identität der Raše zu erweisen scheinen, von denen unterscheiden, die wahrscheinlich nur auf innere Ursachen, und auf jene Aehnlichkeit Bezug haben, welche sich in der Entwicklung der intellectuellen Kräfte aller Völker darstellt. Ich muss mich hier auf eine kurze Beschreibung der, auf den Kupfertafeln vorgestellten, Gegenstände beschränken. Die Folgerungen, auf welche diese Monumente zusammengenommen zu führen scheinen, können erst in dem Reisebericht abgehandelt werden. Da die Völker, denen man diese Gebäude und Bildnereien beimisst, noch vorhanden sind, so mag ihre Physiognomie und die Kenntniss ihrer Sitten zur Aufklärung der Geschichte ihrer Wanderungen dienen.

Nachforschungen über Monumente, die von halbwilden Völkern errichtet worden sind, haben noch ein anderes Interesse, das man das psychologische nennen könnte. Sie stellen uns ein Gemählde von den gleichförmigen Fortschritten des menschlichen Verstandes dar. Die Werke der ersten Bewohner von Mexico stehen zwischen jenen der scythischen Völker und den alten Denkmalen von Indostan in der Mitte. Welch ein imposantes Schauspiel zeigt uns der menschliche Verstand, wenn wir den Raum zwischen den Grabmahlen auf Tinian und den Bildsäulen auf der Osterinsel bis zu den Monumenten des mexicanischen Tempels zu Milta, und dann wieder zwischen den unförmlichen Idolen dieses Tempels bis zu den Meisterwerken eines Praxiteles und Lysippus durchlaufen!

Wundern wir uns nicht über die Rohheit des Styl und die Unrichtigkeit der Umrisse in den Werken der americanischen Völker. Sehr frühe vielleicht von dem übrigen Menschengeschlecht abgesondert, ein Land durchirrend, wo der Mensch lange gegen eine wilde, stets unruhige, Natur zu kämpfen hatte, und sich völlig selbst überlassen, konnten sie sich doch wohl nur langsam entwickeln. Das östliche Asien, West- und Nord-Europa zeigen uns ähnliche Erscheinungen. Wenn ich aber darauf hinweise, werde ich mich nicht darauf einlassen, über die geheimen Ursachen zu entscheiden, wegen derer sich der Keim der schönen Künste nur auf einem sehr kleinen Theil des Erdbodens entwickelt hat. Wie viele Nationen der alten Welt lebten umgeben von Allem, was die Einbildungskraft begeistern konnte, unter gleichem Himmelsstriche mit Griechenland, ohne sich darum je zum Gefühl für schöne Formen zu erheben, einen Gefühl, das die Kunst nur da geleitet, wo griechischer Genius sie befruchtet hatte!

Diese Betrachtungen werden hinreichen, den Zweck zu bestimmen, welchen ich mir bei Bekanntmachung dieser Bruchstücke von americanischen Denkmalen vorgesetzt habe. Ihr Studium kann eben so nützlich werden, als das der unausgebildetsten Sprachen, welche nicht allein durch ihre Analogie mit bekannten Sprachen, sondern auch durch das innige Verhältniss, das zwischen ihrem Bau und dem Intelligenz-Grade des, mehr oder minder von der Civilisatin entfernten, Menschen statt findet, merkwürdig sind.

Wenn ich in eben demselben Werk die rohen Denkmale der Ureinwohner von America, und die mahlerischen Ansichten des Gebirgslandes, welches diese Völker bewohnt haben, darstelle, so glaube ich Gegenstände zu vereinigen, deren gegenseitige Beziehung denen, die sich mit dem philosophischen Studium des menschlichen Gesites beschäftigen, nicht entgangen sind. Hängten auch gleich die Sitten der Nationen, die Entwicklung ihrer Verstandskräfte und der eigenthümliche Karakter ihrer Werke von einem Zusammentreffen vieler, nicht blos örtlicher, Ursachen ab, so haben doch ohne Zweifel Clima, Bildung des Bodens, die Physiognomie der Pflanzen, der Anblick einer lachenden oder wilden Natur auf die Fortschritte der Kunst und auf den unterscheidenden Styl ihrer Werke den entschiedensten Einfluss. Dieser ist um so bemerkbarer, je entfernter der Mensch von der Civilisation steht. Welcher Contrast zwischen der Architectur eines Volks, das grosse finstere Höhlen bewohnt hat, und zwischen den kühnen Monumenten von solchen, die lange Zeit als Nomadenhorden gelebt, wo die Säulenschäfte an die schlanken Palmbäume der Wüste erinnern! Will man den Ursprung der Kunst genau kennen, so muss man die Beschaffenheit des Bodens, auf dem sie entstanden ist, studiren. Nur bei den Gebirgs-Völkern von America finden sich merkwürdige Denkmale. Abgesondert in der Wolkenregion, auf den höchsten Plateau┤s der Erde, von Vulcanen umringt, deren Kratern mit ewigem Eis umgeben sind, scheinen sie in der Abgeschiedenheit ihrer Wüsten nur das, was die Einbildungskraft durch Grösse der Massen ergreift, zu bewundern, und tragen ihre Werke auch das Gepräge der wilden Natur der Cordilleren.

Ein Theil von diesem Atlas soll die grossen Naturscenen dieses Gebirges kennen lehren. Indess hat man weniger diejenigen, welche einen mahlerischen Effekt machen, zu zeichnen gesucht, als die Umrisse der Berge, die Thäler, von denen ihre Seiten durchfurcht sind, und die imposanten Fälle der Giessbäche darstellen wollen. Die Anden verhalten sich zu der Gebirgskette der Hochalpen, wie diese sich zu den Pyrenäen. Was ich romantisches oder grandioses an den Ufern der Saverne, im nördlichen Deutschland, in den euganeischen Gebirgen, auf der Centralkette von Europa, auf dem jähen Abhang des Vulcans von Teneriffe gesehen habe, das Alles findet sich in den Cordilleren der neuen Welt vereinigt. Jahrhunderte würden nicht hinreichen, die Schönheiten zu betrachten, und die Wunder zu entdecken, welche die Natur dort auf einer Strecke von 2500 Meilen, von den Granitgebirgen der magellanischen Meerenge, bis zu den Nachbar-Küsten des östlichen Asiens hin, zerstreut hat. Ich würde meinen Zweck daher erreicht zu haben glauben, wenn die schwachen Skizzen, welche dieses Werk enthält, kunstliebende Reisenden befeuerten, jene Gegenden, die ich durchlaufen habe, zu besuchen, um die majestätischen Landschaften, mit denen die der alten Welt gar keine Vergleichung aushalten, getreulich darzustellen.


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